10. Berlin Biennale: Von gewaltigen Ohrwürmern und poetischen Interventionen

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Kuratorisches Team der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, v. l. n. r..: Thiago de Paula Souza, Gabi Ngcobo, Nomaduma Rosa Masilela, Yvette Mutumba, Moses Serubiri Foto: F. Anthea Schaap

Der Titel der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst verwandelt sich sofort in einen Ohrwurm: We Don`t Need Another Hero – ein Song von Tina Turner, der 1985 veröffentlicht wurde, lässt mich während des ganzen Besuchs nicht wieder los. Er gibt so etwas wie das Motto vor, denn die Berlin Biennale, die dieses Jahr von einem fünfköpfigen kuratorischen Team unter der Leitung von Gabi Ngcobo entwickelt wurde, hat sich vorgenommen einen „Austausch über totgeschwiegene Geschichte(n) und die Hierarchie historischer Konstruktionen“ anzustoßen und schreckt dabei nicht vor der Infragestellung althergebrachter, eingefleischter Hierarchien und Konstruktionen zurück.

An fünf Orten in der Stadt werden über den Sommer hinweg Kunstwerke und Performances gezeigt sowie Veranstaltungen und ein umfangreiches Vermittlungsprogramm angeboten. Dabei ist schon die Wahl der Ausstellungsorte programmatisch, weil es sich um Orte handelt, die für unterschiedliche Zugänge und Umgänge mit Kunst stehen: neben den Kunst-Werken – Institute for Contemporary Art (KW), die seit der Initiierung der Berlin Biennale immer dabei sind, sind mit der Akademie der Künste (AdK) im Hansaviertel sowie dem Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) in Moabit zwei neue Orte dazugekommen. Ergänzt wird das Programm durch Performances im HAU – Hebbel am Ufer und dem Volksbühnen Pavillon. Die Orte könnten widersprüchlicher nicht sein: Während die KW in der Auguststraße zum Sinnbild der Gentrifizierung und Internationalisierung der Stadt geworden sind, ist die AdK eine der ältesten Kulturinstitutionen Europas, die über ihr Archiv die Kunstgeschichtsschreibung mitbestimmt. Das ZK/U wird vom Künstlerkollektiv KUNSTrePUBLIK betrieben und ist ein Ort, der zugleich Nachbarschafts- und Kunstort ist und sich mit seinem Residenzprogramm für Künstler*innen einen Namen gemacht hat.

Der Berlin Biennale gelingt es, diese verschiedenen Orte zu verbinden, Unterschiede und Hierarchien zwischen den Orten aufzulösen und gleichzeitig ihre jeweilige Besonderheit Da-sein-zu-lassen. Das erreichen sie unter anderem durch ein durchgängig angenehm zurückhaltendes wie präzises Ausstellungsdesign von Büros für Konstruktivismus und der Platzierung von Kunstwerken einiger Künstler*innen an mehreren Orten, so dass über die Orte ein Netz wiederkehrender Motive gespannt wird. 

Wie die versprochene Dekonstruktion von Hierarchien noch aussehen kann, macht die Arbeit Legendaries von Cinthia Marcelle im Eingangsbereich der KW vor: auf einem Foto sind die Mitarbeiter*innen der KW in Szene gesetzt – Menschen, die das Wesen und das Gesicht der Institution formen – wozu die Mitarbeiter*innen an der Kasse ebenso wie die der Presseabteilung gehören. Das Besondere ist nicht nur, dass diese Personen sichtbar werden, sondern dass auf diesem Foto alle gleichberechtigt nebeneinander abgebildet sind; die institutionelle hierarchische Struktur löst sich auf – jedenfalls für einen Moment.

Ein Stockwerk höher befindet sich eine weitere programmatische Arbeit: Sitting on a Man’s Head von Okwui Okpokwasili und Peter Born ist eine für die Besucher*innen offene performative Situation. In einem durch eine durchsichtige Folie abgetrennten Bereich bewegen sich mehrere Performer*innen, davor befinden sich Sitzgelegenheiten für Gespräche. In einem begleitenden Text heißt es über die Arbeit: „Was wir entwickeln, ist eine Kooperation – ein kollektiver Ort für kreatives Schaffen und verwandtschaftliche Verbundenheit.“ Die Bewegungen, die als Ausgangspunkt für die Situation dienen, basieren auf traditionellen Protestaktionen von Frauen aus dem Osten Nigerias. Begibt man sich in diesen Raum, wird man Teil einer kollektiven Situation, die gegenwärtig und zugleich historisch verankert ist. Eine Erfahrung, die sowohl stärkend sein kann, weil man Teil einer Bewegung wird, als auch verstörend, weil man sich einer Erfahrung aussetzt, die zunächst unbestimmt ist. Und genau um solche intensiven Erfahrungen geht es den Kurator*innen, die die Ordnung durchbrechen um dadurch „eine Art Chaos auszulösen“. [1] In einem Gespräch des kuratorischen Teams, das im umfangreichen Katalog veröffentlicht ist, geht es viel um Gewalt, die sowohl destruktiv sein kann, aber auch eine Kraft darstellt, sich zu befreien oder zu verändern.

Liz Johnson Artur, from Black Balloon Archive, 1991–ongoing, Installationsansicht, Foto: Timo Ohler

Bei meinem Besuch der verschiedenen Orte der diesjährigen berlin Biennale kristallisieren sich drei thematische Schwerpunkte heraus, die Erfahrungen von Gewalt verhandeln:

Erstens gibt es zahlreiche Arbeiten von Künstler*innen, die postkoloniale Realitäten in den Blick nehmen und Geschichten von rassistischen Gewalterfahrungen, Ausgrenzung und Unsichtbarkeit erzählen. Um diese Unsichtbarkeit zu durchbrechen, gibt es zahlreiche Künstlerin*innen mit einem nicht-westlichen Hintergrund und Arbeiten über People of Colour.[2] So zeigen die Fotografien aus Liz Johnson Artur‘s Black Ballon Archive die Gesellschaft aus schwarzer Perspektive und Natasha A. Kellys sehenswerter Film Millis Erwachen porträtiert der acht afro-deutschen Künstlerinnen. Beide Arbeiten befinden sich in den KW.

Zweitens liegt ein Schwerpunkt auf Arbeiten, die sich dem weiblichen Körper widmen und der Gewalt, die ihm angetan wird. In der verstörenden Performance von Las Nietas de Nonó, die im Volksbühnenpavillon aufgeführt wird, werden Eingriffe in den weiblichen Körper simuliert. Im ZK/U wird der Film Title unknown at time of publication gezeigt, in dem es um eine Frau geht, die Opfer sexueller Gewalt wurde. Am selben Ort sind Zeichnungen von Installationen von Tessa Mars ausgestellt, die eine Frau zeigen, die zugleich Mensch und Schuppenwesen ist, und die sie als Tessaline, als weibliche Version des haitianischen Nationalhelden Jean-Jacques Dessalin bezeichnet.  

Ein drittes Thema bilden Instabilitäten, Wirklichkeitsverschiebungen und Verstörungen wie sie durch psychische Krankheiten oder Verweigerungshaltungen ausgelöst werden können. So ist der größte Raum in den KW mit einer Rauminstallation von Dineo Seshee Bopape gefüllt, die ein Gefühl der Verunsicherung und des Bröckelns von Wahrheiten vermittelt. Unter anderem wird die Sängerin Nina Simone bei einem Auftritt gezeigt, bei dem ihr der Wahnsinn (oder die Verzweiflung) förmlich in den Augen abzulesen ist. Joanna Piotrowska zeigt eine schwarz/weiß Porträtserie, auf denen Familienmitglieder zusammen zu sehen sind in einer Weise, die die Spannungen und zum Teil dysfunktionalen Beziehungen spürbar werden lässt.

Das Gute an der Ausstellung ist, dass es ihr nicht nur um die Darstellung von Unrecht und Gewalt geht, sondern dass sie genauso daran interessiert ist, „das politische Potential von Strategien der Selbsterhaltung“ zu erkunden. Dazu zählen utopische Gegenentwürfe wie von Tessa Mars oder Aneignungsprozesse, um Geschichte neu zu schreiben, wie bei Grada Kilomba, die in ihrer mehrteiligen Filmarbeit Illusions die Geschichte des griechischen Mythos von Ödipus nachspielt und dadurch umschreibt.

Dineo Sheshee Bopape, Untitled (Of Occult Instability) [Feelings], 2016–18, Installationsansicht, Foto: Timo Ohler

Der Ausstellung gelingt damit ein besonderer Spagat: Sie legt den Finger in historische Wunden und zeigt zugleich kraftvolle Gegenentwürfe und Strategien des Selbsterhalts. Sie bohrt, ohne laut, plakativ oder allzu didaktisch zu werden. Die Ausstellung ist durchzogen von verschiedenen Gesten der Verweigerung und Verneinung, gleichzeitig ist ihre Sprache poetisch, geprägt durch das Kollektiv und eine bewusst hervorgekehrte Subjektivität. Statt zu brüllen wie ein Löwe, vertraut sie auf Ohrwürmer. Statt auf Effekte setzt sie auf Intensitäten. Die Kunst liegt in einer Gleichzeitigkeit verschiedener Erzählungen und Programmatiken, die eine schnelle Identifizierung und Einordnung verunmöglichen. Dem kuratorischen Team geht es um „die Offenheit einer Verneinung, die Vielschichtigkeit zulässt – und nicht darum, eine isolierte Reaktion zu bieten, die man dann nehmen, konsumieren, verstehen und weiterentwickeln kann, um damit irgendwie voranzukommen.“ [3]

Beim Besuch der Ausstellung wird man demnach mit Arbeiten konfrontiert, die Hingabe erfordern, weil sie nicht auf den ersten Blick erfassbar sind und wollen, dass man sich auf sie einlässt. Eine Reihe von Performances sind nur zu bestimmten Zeiten zu sehen, so dass man seinen Besuch gut planen muss. Auch die Entscheidung eine Vielzahl von Veranstaltungen durchzuführen, spricht dafür, dass es den Macher*innen nicht um Besucher*innenmassen, sondern um das Herstellen von intensiven Situationen geht.[4] Ich habe das Gefühl, dass es der 10. Berlin Biennale gelingt, auch in der Form das umzusetzen, was sie sich als Motto vorgenommen hat. Das ist selten.

Vergleicht man die Berlin Biennale mit zwei weiteren Ausstellungen bzw. Orten, die sich ebenfalls der Revision von Geschichte widmen, wird die Konsequenz des Ansatzes noch einmal deutlicher: Im Hamburger Bahnhof fragt Hello World – Revision einer Sammlung, wie eine Sammlung – wie die der Nationalgalerie – sich um nicht-westliche Kunstströmungen und transkulturelle Ansätze erweitern kann. Das tut sie aber extrem kleinteilig und so, dass es möglichst nicht wehtut. Das Humboldt-Forum will ebenfalls „für eine Herangehensweise [stehen], die unterschiedliche Kulturen und Perspektiven zusammenführt.“[5] Dass auch sie diesen Anspruch eher halbherzig verfolgt, belegt die Entscheidung der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy den Expertenbeirat zu verlassen. Ihr Vorwurf: mangelnde Provenienzforschung, hierarchische Gefüge, mangelnder Mut. Beide Institutionen können sich bei der 10. Berlin Biennale noch so einiges abschauen, wenn es um das Schaffen von alternativen Konfigurationen von Wissen und Macht geht, die nicht nur die Institutionen, sondern auch die Besucher*innen herausfordern, sich selbst infrage zu stellen.

[1] Kuratorische Gespräche, in: Maryse Conde u.a:.10. Biennale für zeitgenössische Kunst: We don`t need another hero, Distanz, Berlin 2018, S. 38.

[2] Konsequenterweise wird in den Texten im Kurzführer und im Katalog auf die Markierung von Hautfarbe und Hintergründen genauso verzichtet wie in der Ausstellung auf die Nennung des Geburts- oder des Lebensortes. Auffällig war auch, dass bei der Pressekonferenz nicht einmal das Wort „postkolonial“ verwendet wurde. Wenn ich in diesem Text dennoch auf diese Bezeichnungen zurückkomme, dann weil ich es wichtig finde, zu benennen und sichtbar zu machen, dass die Ausstellung mit diesen bewussten Setzungen Politik macht, was mir genauso angebracht erscheint wie auf die Geschlechterverhältnisse hinzuweisen, solange diese nicht gleichberechtigt sind.

[3] Ebd., S. 37.

[4] Dazu zählt auch das Projekt Mitteilungsradio, das vom Bezirkskulturfonds Mitte gefördert wird. Der Künstler Anton Kats hat künstlerisch und kollaborativ die Stimmen und Geschichten von Bewohner*innen einer Senior*innenresidenz im Rahmen von Workshops, Interventionen und einer Installation erkundet und am 18.6. in den KW präsentiert. Die Bewohner*innen wurden eingeladen, mit dem Medium Radio praktisch zu arbeiten, um eine eigene mobile, offene und nachhaltige Radiostation zu entwickeln und damit Teil des Berlin-Biennale-Programms zu werden. Die Sendungen vom Mittlungsradio reflektieren und bearbeiten Themen der 10. Berlin Biennale wie Sichtbarkeit und alternativer Wissenstransfer aus der Perspektive älterer Menschen.

[5] https://www.humboldtforum.com/de/inhalte/humboldt-forum

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10. Berlin Biennale: Von gewaltigen Ohrwürmern und poetischen Interventionen

Ort

Kunst-Werke Berlin – KW Institute for Contemporary Art (KW), Auguststr. 69, 10117 Berlin

Akademie der Künste (AdK), Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik, Siemensstraße 27, 10551 Berlin

Volksbühne Pavillon, Linienstr. 227, 10178 Berlin

Hebbel am Ufer (HAU), Stresemannstr. 29, 10963 Berlin

Laufzeit:  9.6. – 9.9.2018

Von Anna-Lena Wenzel