60 Jahre Kunst im Untergrund am U-Bahnhof Alexanderplatz

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Plakat von Sven Johne im Rahmen von Kunst im Untergrund 2018, Foto: Nihad Nino Pusija

Vor 60 Jahren fand am U-Bahnhof Alexanderplatz zum ersten Mal eine Ausstellung mit Plakaten statt, die auf Initiative des Grafikers Klaus Wittkugel zurückging, der alle Grafiker der DDR dazu aufrief, Plakate für den Frieden zu entwerfen. Die Reproduktionen wurden unter dem Titel Frieden der Welt auf den Hintergleisflächen des U-Bahnhofs ausgestellt. Unter wechselnden Namen (Berlin – Stadt des Friedens, Kunst und Literatur für den Frieden, Denken an Revolution) und in unregelmäßigen Abständen fanden bis zum Jahr 1989 Kunstwettbewerbe im U-Bahnhof statt. Nach dem Mauerfall wurden die Wettbewerbe fortgesetzt. Unter dem Namen Kunst statt Werbung konstituierte sich im April 1991 eine Arbeitsgruppe unter der Trägerschaft des Bildungswerks der bbk berlin GmbH, die 1992 zur neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) wechselte und von der Senatsverwaltung für Kultur finanziell unterstützt wurde. Seit 2001 arbeitete die Arbeitsgruppe unter dem Namen Berlin Alexanderplatz U2 weiter.

Kunst im Untergrund / Kunst statt Werbung, „Hund ist extra“, 1993, Alexanderplatz U2, Foto: Hucky Porzner

Im Jahr 2008 wurde eine Fortsetzung des Wettbewerbs in seiner bisherigen Form unmöglich, weil die BVG die Werbeflächen auf den U-Bahnhöfen verkauft hatte und der Bahnsteig am Alexanderplatz somit nicht mehr für die Kunst zur Verfügung stand. Von nun an musste für die Plakatflächen gezahlt und die Bedingungen jedes Jahr neu verhandelt werden. Es stand zur Debatte, ob der Wettbewerb unter diesen Bedingungen fortgesetzt werden sollte, aber die Arbeitsgruppe entschied sich dafür – jedoch unter geänderten Vorzeichen und neuem Namen: Als Kunst im Untergrund ging sie örtlich und inhaltlich neue Wege. Fortan stand nicht mehr der U-Bahnhof Alexanderplatz im Mittelpunkt, sondern selbstgewählte Bahnhöfe oder eine U-Bahn Linie, wie beim Projekt U10 – von hier aus ins Imaginäre und wieder zurück. Seit 2014 hat sich das Projekt auf die U5 zwischen Hauptbahnhof und Hellersdorf konzentriert. Die Idee von Was ist draußen (2014/15) und Mitten in der Pampa (2016/17): Den Alexanderplatz mit der „Peripherie“ zu verbinden, also den Außenbezirken, zu denen die U5 führt. Dort – in der Nähe der Station Cottbusser Platz – befindet sich auch die station urbaner kulturen, in der regelmäßig Ausstellungen und Veranstaltungen stattfinden.

Zum 60-jährigen Jubiläum kehrt das Projekt unter dem Motto Plakat politisch machen nun an den Alexanderplatz auf die Werbeflächen der Linie U5 zurück. Am 28. September wurde die erste von drei Runden eingeläutet, ab dem 16. November geht es mit der Zweiten weiter und die letzte Runde startet am 29. November.

Die Auswahl der Künstler*innen erfolgte auf zwei Wegen: über einen offenen Wettbewerb und über ein kooperatives Verfahren, bei dem Sven Johne und Katharina Sieverding gezielt eingeladen wurden. Sven Johne hat für die erste Runde Plakate entwickelt, die auf Pressefotos aus der Entstehungszeit der Ostberliner Stadtbezirke Hellersdorf und Marzahn beruhen. Sie werden mit dem Originaltitel und der Originalbildunterschrift veröffentlicht, in denen die dortigen Wohnbauprogramme angepriesen werden. So prangt auf einem Plakat der Titel: „Dreizimmerwohnung: Miete nur 3 Prozent des Monatseinkommens!“ Was für heutige Ohren unglaublich klingt, war damals Teil der städtischen Wohnbauförderung. Johne gelingt es damit nicht nur einen Bogen zwischen Historie und Gegenwart zu schlagen, sondern auch den Alexanderplatz mit den Außenbezirken zu verbinden.

Plakat von Mio Okido, Foto: Anna-Lena Wenzel

Parallel zu Johne hat Mio Okido für die andere Seite des Gleises drei Plakate gestaltet und sich dabei mit dem Thema Obdachlosigkeit beschäftigt. Sie hat Hilfseinrichtungen aufgesucht und dort Menschen kennengelernt, denen sie Kameras und schwarz-weiß Filme gegeben hat. Ihr Auftrag: Fotos ihrer Lebensrealität zu schießen. Zusammen mit den Beteiligten hat sie aus den vielen Fotos drei ausgewählt und mit dem Untertitel „Fotografiert von einem Menschen ohne Wohnung“ versehen. Der Spruch und die Ästhetik beziehen sich auf die Werbung für iPhones – sie locken also mit etwas Vertrautem, um die Betrachter*innen dann mit einer anderen Lebensrealität zu konfrontieren.

Die Plakatausstellungen werden ergänzt um mehrere Diskurstage, in denen die vergangenen 60 Jahre reflektiert und in die Zukunft geschaut wird. Weil für die Initiative der nGbK in Hellerdorfs keine eigenständige Förderung bewilligt wurde, wird die station urbaner kulturen zum Ende des Jahres 2018 schließen. Darüber hinaus sind die Bedingungen künstlerische Arbeiten entlang der U-Bahnen zu realisieren, immer schwieriger geworden, weil es vermehrt Auflagen gibt, die zu berücksichtigen sind: „Man kann heute kaum mehr was machen“, bemerkt Adam Page, ein langjähriges Mitglied der Arbeitsgruppe. Wer sich über den Stand der Dinge informieren und mitreden will, kann dies vom 10. bis zum 17. November tun.

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60 Jahre Kunst im Untergrund am U-Bahnhof Alexanderplatz

Ort

U-Bahnhof Alexanderplatz, Gleise der Linie U5

station urbaner kulturen, Auerbacher Ring 41, Eingang Kastanienboulevard, 12619 Berlin

Von Anna-Lena Wenzel

Programm:

27.9. - 4.10.: Mio Okido, Sven Johne  

16. - 26.11.: Stephan Kurr, mark, Felix Pestemer & GloReiche Nachbarschaft

29.11. - 6.12.: Lars Preisser, Katharina Sieverding

10.-17.11. Diskurstage