Falafeln werfen Fragen auf

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Paris-Konstantinopel. Der „Orient-Express“, der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts diese beiden Städte verband, war nicht nur ein besonders komfortabler Luxuszug. So wie der „König der Züge“ die Metropolen im Westen mit denen im fremden Südosten verband, gerann er zum Symbol und zur Metapher einer Interkulturalität avant la lettre.

Nicht verwunderlich also, dass ein junger Israeli namens Maimon zu diesem Namen griff, als er 1985 in Helsinki ein Kebab- und Falafel-Restaurant eröffnete. Auch er bewegte sich zwischen diesen Welten. Wenige Jahre zuvor war er wegen einer jungen Frau, die er in seiner Heimat am Strand kennengelernt hatte, nach Finnland gezogen. Eine „Flüchtlingskrise“ gab es noch nicht.

Maimons „Orient-Express“ war der erste Kebab-Laden in Finnland. In einem Einkaufszentrum im Stadtzentrum der finnischen Hauptstadt gelegen, brachte der israelische Mann seinen neuen Landsleuten zuvor unbekannte Geschmäcker aus Nahost näher. Gleichzeitig beschäftigte er viele Menschen, die keine finnische Staatsbürgerschaft besaßen. Durch die Arbeitsbescheinigung beschaffte er ihnen das nötige Dokument für den Erhalt einer Aufenthaltsgenehmigung.

Dieser Erinnerung ist nun Dafna Maimon gleichsam dreidimensional auf den Grund gegangen. In der Galerie Wedding hat die Video- und Performancekünstlerin, Jahrgang 1982, den Orient-Express ihres Vaters rekonstruiert. Wer die Kommunale Galerie betritt, steht vor einem Restauranttresen, über dem illuminierte Bilder der dort verkauften Gerichte lachen. Unter roten Schirmen kann man an Bistro-Tischen Platz nehmen.

Maimons Installation ist eine Mischung aus autobiografischer Erinnerungsarbeit und interkultureller Recherche. Die sie aber nicht rein authentisch umsetzt. Sonst würde nicht der Soundloop „Sorry, we’re closed, try again later“ aus unsichtbaren Lautsprechern tönen, hätte sie nicht die Galeriefenster mit Karton verhängt. Durch diesen Störfaktor wird die Kulisse zum Symbol der unmöglichen Erinnerung. Dafnas Vater starb so früh, dass sie die Erinnerung an einen prägenden Kindheitsort nicht mehr gemeinsam durcharbeiten konnte.

Mit dieser Mischform von Fiktion und Realität setzt Maimon emotionale Landschaften in Szene, die ihr Interesse an Identität spiegeln. In ihrer letzten Performance „Modern Lives“ baute sie das Ambiente nach, mit der sich ihre Mutter in ihrer Wohnung einst das Fantasie-Alter-Ego einer Witwe aus dem 17. Jahrhundert geschaffen hatte.

Natürlich wird mit dem Werk auch ein Prototyp migrantischer Ökonomie aufgerufen, die sie zur Eröffnung der Schau in eine nichtmonetäre überführte. Eine Freifalafel bekamen da diejenigen, die bestimmte, teilweise absurde Fragen wie: „Wer war der Kebab in Ihrer Familie?“ mit, zum Beispiel, 189 Worten beantworten konnten: Fastfood als Katalysator der familiären Narration. Dass dieser sympathische Kosmos seine unschönen Subtexte mit sich schleppt, wird deutlich, wer in der Ausstellung die lustigen Sprechblasen aus Styropor baumeln sieht. Sie tragen so seltsame Sprüche wie: „Our Pita – your Oyster“ oder: „Ooop – three balls in your pocket: it’s falafel!“.

Magistrale des Wedding

Mit dem anzüglichen Doppelsinn der Werbesprüche, die Maimon nach Vorbildern aus den Achtzigerjahren recherchiert hat, will sie auf den sexistischen Hallraum dieses imaginären Orients hinaus. Vollends deutlich wird das, wenn man das von ihr entdeckte, remasterte und neu zusammengesetzte Werbevideo anschaut, dass Maimons Vater für sein Restaurant 1986 in Auftrag gegeben hatte. Da sieht man einen schwarzen Mann im Trenchcoat die Laufbänder einer Rolltreppe in einem Einkaufszentrum von Helsinki hinuntergleiten. Die sexy Blondine, in deren Armen er dann landet, weist ihm mit lasziv gestrecktem Arm den Weg zum Restaurant. Sexismus ist eben nicht nur ein Problem der fettreduzierten Filmindustrie von Hollywood.

Womit wir beim Kontext wären. An kaum einen Ort passt diese, von Solvej Helweg Ovesen kuratierte Schau besser als in die Müllerstraße, die schäbig-stolze Magistrale des Wedding, dem letzten Hort authentischer Kebab-Kultur in Berlin. Doch selbst dort fährt der Orient-Express langsam in eine andere Richtung. Die kleine Garküche direkt neben der Galerie, die die Eröffnungsfalafel lieferte, wird von Afrikanern betrieben. Das legendäre Lebensmittel nennt sich dort Shakalaka: Falafel meets Kochbanane und Erdnusssauce. Der derzeit schwer angesagte Schuppen heißt Safari Imbiss.

 

Dafna Maimon: Orient-Express. Galerie Wedding. Müllerstraße 146/147, Di.–Sa. 12–19 Uhr. Bis zum 13. 01. Finissage mit After-Hour-Performance am 11. und 13. Januar.

 

(Erstveröffentlichung: taz, 22.12.2017)

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Falafeln werfen Fragen auf

In ihrer Installation „Orient-Express“ in der Galerie Wedding mischt die Künstlerin Dafna Maimon autobiografische Erinnerungsarbeit mit interkultureller Recherche
Autor

Ingo Arend