Zwei Perspektiven auf WORK und SHARING

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Worksharing ist in vieler Munde - trotzdem wenig praktiziert. Die Programmkoordinatorinnen für Stadtkultur und Vernetzung in Berlin Mitte - Kerstin Wiehe und Jennifer Aksu - arbeiten so seit vielen Jahren. Zwei Perspektiven auf WORK und SHARING und warum in Mitte beides im Sinne Kunst und Kulturschaffender immer weiter überdacht werden sollte.

 

Kerstins Perspektive: Mutmachen zu(m) Experimentieren

(Kultur)-Politik als wichtiger Teil zur Entwicklung einer Vision für zukünftiges Zusammenleben braucht mehr Mut! Mut zum Entdecken, Mut für Experimente, Mut zum Scheitern, Mut für das Ausprobieren neuer Wege und auch Mut dafür, Forderungen zu stellen und diese zum Leben zu erwecken. Nur dieser Mut kann unsere Zukunft als demokratische und tolerante Gesellschaft sichern und ständig weiterentwickeln und voranbringen.

Wir brauchen Visionäre und diese Rolle übernehmen mit einem großen Anteil Künstler, Kreative und Kulturschaffende in unserer Gesellschaft. Zusammenleben erfordert neben Mut auch Konzepte der Zusammenarbeit und des Teilens von Ideen und Ressourcen. In künstlerischem Arbeiten und ästhetischem Forschen werden sehr häufig Ansätze, Ideen und Modelle von Zusammenarbeit, von Teilen, von Vermitteln und Mitteilen erprobt, die - wertet man sie gut und genau aus - in weite Bereiche von gesellschaftlicher Entwicklung eingebracht und übertragen werden können:

Kollektives Erarbeiten einer gemeinsamen Idee aus Impulsen der Individuen.

Demokratische und konsensorientierte Entscheidungsstrukturen.

Experimentelles Erproben von Ideen und Zusammenarbeit.

Kleinteilige und niedrigschwellige Unterstützungssysteme, die gleichzeitig bestehende Abgrenzungssysteme in Frage stellen und durch kollaborative Zugänge ergänzen und sogar schrittweise ersetzen.

Diese Liste ist lang erweiterbar. Wichtig ist es, genau an diese Prozesse ein Ohr zu legen, die Augen dafür zu öffnen und dieses Wissen erfahrbar und teilbar zu machen, sichtbar werden zu lassen, um die Fülle der Erkenntnisse für die Entwicklung von Stadt, von Zusammenleben und von Zukunft nutzbar zu machen.

Auf diesen Weg haben Jennifer und ich uns gemeinsam mit dem Fachbereich Kultur im Bezirk Mitte begeben: um Wissen zu sammeln und zu teilen, sichtbar zu machen und Zusammenarbeiten anzuregen. Und auch um hieraus wiederum Erfahrungswissen zu generieren und  Ressourcen teilbar zu machen. Aber auch um Unterstützungsstrukturen zu definieren und auszuprobieren, die das unsichere Leben von freischaffenden Kunst- und Kulturakteur*innen stabilisieren können. Wir können und möchten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, Begegnungen für Austausch und Zusammenarbeit schaffen, Mittel zur Verfügung stellen und Kommunikations- strukturen verbessern.

Noch ist unsere Arbeit ein mittlerer Tropfen auf einen heißen Stein, denn das Besitzdenken von institutionellen Kulturakteur*innen ist groß und nur in kleinen Schritten aufzulösen. Die Wertschätzung von Kunst und Kultur im gesamtgesellschaftlichen Wertekanon ist viel zu gering, Künstler*innen und Kulturschaffende längst nicht Berater*innen der wichtigen politischen Entscheider*innen. Aber Unterstützungsstrukturen sind im Aufbau - vorneweg durch das stetige und hoch zu schätzende Engagement der Koalition der freien Szene. Dennoch sind noch viele Wege zu beschreiten, zu intensivieren, Gedanken und Augen zu öffnen.

Ich wünsche mir, dass alle Verwaltungen sich öffnen um zu lernen, wie Leben und Strukturen sich verändern (müssen), um die Herausforderungen der Zukunft visionär und gemeinsam zu gestalten, um verstehen zu können, wie Leben jenseits von Festanstellung und fixierter Lebensperspektive aussehen kann, wie aus dieser Offenheit neue Formen von Leben und ZUSAMMENarbeit entstehen und diese unterstützt werden können. Machen wir also gemeinsam weiter!

 

Jennifers Perspektive: Anstiftung zum (was) Unternehmen

Ich bin freiberufliche Künstlerin, Beraterin, Dozentin. Keine Wirtschaftswissenschaftlerin, kein Start-up. Trotzdem bin ich Unternehmerin. Weil ich alles, was ich beruflich (und privat) tue, als Unternehmung betrachte, als gemeinschaftliches Vorhaben mit großem Ziel, Expedition und ein bisschen Abenteuer. Und weil ich von dem, was ich mache, leben will und kann.

Das Davon-Leben ist nicht immer einfach, besonders - oder muss man „auch nicht“ sagen? - in einer Stadt mit einer (gefühlt) so hohen Kunst- und Kulturschaffendendichte wie Berlin. Als vereinfachend habe ich immer den offenen Austausch mit Kolleg*innen und Freunden empfunden, die eine ähnliche Lebenssituationen teilen.

Mit den Jahren fiel immer deutlicher auf, dass, obwohl der eigene Wissensschatz, Arbeitserfahrungen und Kontakte wuchsen, der Austausch mit Kolleg*innen eher abnahm. Zahlen über Einkommen, Projekte oder Details zur Bewältigung des Arbeits- alltags wurden in Gesprächen häufig ausgespart. Die abnehmende Bereitschaft zum Teilen oder Tausch von praxis- relevantem Wissen und Handeln wird nur selten von Initiativen produktiv, wie zum Beispiel der Vierten Welt in Kreuzberg, aufgefangen.

Unternehmen regeln das Sharing von Praxiswissen und hilfreichen Kontakten findiger. Sie haben Fellows, peer-to-peer-Beratungen, Alumni-Netzwerke, aufwändige Statistiken und in besonderen Fällen eine (finanz)starke Lobby. Diese Art der Selbstdarstellung und Vernetzung, des Austauschs von wichtigen Tipps und Trends sichert ihnen die Position und Handlungsfähigkeit in ihrer jeweils konkurrenzreichen Branche.

Obwohl Kunst und Kultur als grundlegend gesellschaftsstiftende Lebensbereiche außer Konkurrenz sein sollten, müssen ihre Vertreter in Haushaltsdebatten um Etats kämpfen, ihre gemeinnützige Legitimierung ständig untermauern und sich wirtschaftlichen Zwängen beugen. Entsprechend wichtig ist es, Unterstützungssysteme und Austausch für sie zu fördern, die bürokratiearm und fair funktionieren.

Der Austausch von Wissen und Materialien, die das Leben und Arbeiten vereinfachen - Recherchen erleichtern, Anschaffungen vermeiden, Jobs vermitteln und das Selbstbild stärken - sind darum zentrale Ansätze, um dem Gefühl selbst und ständig (alleine und ohne Pause) am Rotieren zu sein etwas entgegen zu setzen. Und wo wäre der Austausch von diesen Ressourcen besser aufgehoben, als vor der eigenen Haustür oder im eigenen Kiez? Die Politik der kurzen Wege spielt beim Austausch eine entscheidende Rolle. Beides - Austausch und Nähe - stiftet die Programmkoordination seit fast zwei Jahren im Bezirk Mitte, um etwas für die Kunst und Kulturschaffenden zu unternehmen. Es ist ein Programm, das vom Geist der Unternehmung lebt - inhaltlich und operativ. Als gemeinschaftlich konzipiertes und umgesetztes Programm, in dem dieselbe Arbeit in work sharing Manier zu gleichen Teilen geteilt wird, lebt sie von einem gemeinsamen Ziel: das Leben von Kunst und Kulturschaffenden im Bezirk zu verstehen und über diese Transparenz unterstützend zu wirken. Und weil eine Unternehmung (meistens) ein geteiltes Unterfangen ist laden wir alle ein, etwas gemeinsam zu unternehmen und das Programm und seinen Nutzen dadurch kooperativ mitzugestalten.

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Autoren

Kerstin Wiehe

Jennifer Aksu