„Gar kein Theater wäre noch mehr Wahnsinn“

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„Die Gesangsverordnungen haben mich kirre gemacht“

Das GRIPS Theater am Hansaplatz hat zur Pressekonferenz eingeladen, um die neue Spielzeit und den Umgang des Theaters mit den Corona-Auflagen vorzustellen. Seit dem Lockdown fanden hier keine Aufführungen mehr statt; im September soll es endlich wieder losgehen. Aus diesem Grund stellt Philipp Harpain das Programm für die nächste Saison vor, schaut auf die letzten Monate zurück und berichtet von der Stimmung im Haus. „Es ist weiterhin eine unsichere Zeit, weil ungewiss ist, ob die Schulklassen kommen.“

Die Unsicherheit darüber, wie sich die Lage entwickeln wird, führt dazu, dass es schwierig ist zu planen – und das an einem Ort, wo Spielpläne normalerweise lange im Voraus entwickelt werden. Harpain war gezwungen das Programm erst nach dem 10. August zu veröffentlichen, um auf die aktuellste Corona-Verordnung reagieren zu können, die an diesem Tag veröffentlicht wurde.

Aufgrund der Auflagen wurde der Spielplan komplett umgestellt und Stücke neu konzipiert. „Auf der Bühne müssen Sicherheitsabstände eingehalten werden, da können wir Stücke wie Linie 1 nicht aufführen, ganz einfach, weil das Stück von der Dichte lebt und mit vielen Schauspieler*innen besetzt ist. Das funktioniert nicht in einer abgespeckten Version.“ Harpain berichtet von Probensituationen, bei denen Assistent*innen und Hospitant*innen nicht dabei sein durften, weil sonst zu viele Menschen im Raum gewesen wären, er erzählt, wie sie versuchen, durch eine Änderung der Sprechrichtung Aerosole auf der Bühne zu vermeiden und wie Playback eingesetzt werden muss, um das Singen auf der Bühne zu begrenzen. „Dennoch ist es uns wichtig, wieder diesen Live-Moment für die Kinder herzustellen.“ Aber die Atmosphäre wird eine andere sein, auch weil es ein Einbahnstraßenprinzip gibt, Maskenpflicht im Gebäude herrscht (wenn auch nicht am Platz) und man zu seinem Platz begleitet wird. „Es wird eine Flughafenatmosphäre entstehen“ sagt Harpain und der Eingangsbereich mit Hinweisschildern und Desinfektionsspendern lässt erahnen, was er damit meint.

GRIPS Theaterleiter Philipp Harpain bei der Pressekonferenz

Aktiv trotz Lockdown

Während der Schließung des Theaters wurde ein Krisenteam aus Leitung, Presse und Geschäftsführung gebildet, das Stornierungen, Programmänderungen und Förderanträge bewältigt hat und mit verschiedenen Angeboten in den sozialen Medien versucht hat, Kontakt zu den Besucher*innen zu halten. Parallel dazu wurden Renovierungsmaßnahmen durchgeführt, die durch die Lotto-Stiftung unterstützt wurden.

Der Rest des Teams mit 65 Angestellten war in Kurzarbeit, wobei durchklingt, dass das Theater durch gestaffelte Modelle und das Mitdenken der Freischaffenden Mitarbeitenden versucht hat, die Situation so sozial verträglich wie möglich zu gestalten. Auch weil klar ist: „Bindung ist extrem wichtig“. Finanziell kommt das Theater dank der Kurzarbeiterregelung, der Unterstützung von Sponsoren sowie der Förderungen durch den Senat gut über das Jahr, doch wird es mittelfristig dringend erforderlich sein, dass Kurzarbeitergeld, das im Februar 2021 ausläuft, zu verlängern, so Harpains Appell an die Politik.

Bevor am 3. September die Premiere von Bella, Boss und Bulli über die Bühne geht, ein Stück über Isolation und Freundschaft, das in diesen Zeiten neue Aktualität gewonnen hat, wurde im August das Programm mit einer Ausstellung auf dem Hansaplatz und zwei Open-Air-Parkplatz-Konzerten begonnen – auch das Ausdruck des Wunsches wieder Präsenz zu zeigen.

Aufführung von Miss Wedding Undercover im Freibad Plötzensee, Foto: Jacqueline Wiesner

Schön und schräg

Wie ist es, wenn man monatelang nicht mehr auf der Bühne stehen darf, sich der Arbeitsplatz dann plötzlich ins Freibad verlagert, man sich aber nicht mehr auf der Bühne umarmen darf? „Es ist schön und schräg zugleich“, sagt Johanna Magdalena Schmidt, stellvertretende Intendantin und Schauspielerin am Prime Time Theater.

Das Theater im Wedding ist bekannt für seine markigen Stücke á la Guter Wedding, schlechter Wedding. Mit dem Lockdown musste auch dieses Theater umdisponieren und hat nicht nur den Ort, sondern auch das Format geändert: zuerst gab es eine Kooperation mit dem Alhambra Kino, bei der mehrere Classics von Gutes Wedding, schlechtes Wedding als Aufzeichnungen gezeigt wurden, weil das so gut lief, wird die Kooperation bis in den September fortgesetzt. Zusätzlich wurde im August im Freibad Plötzensee eine  Short-Version von Miss Wedding Undercover gezeigt. Dafür wurde eine spezielle Bühne angefertigt, das Stück der Location angepasst und durch ein Vor- und Anschlussprogramm ergänzt. „Die Atmosphäre im Freibad ist fantastisch“, sagt Johanna Magdalena Schmidt, und ist froh, dass das Wetter so gut mitgespielt hat. Aber die Bedingungen sind natürlich andere: Man muss gegen eine Geräuschkulisse anspielen und hat viel weniger direktes Feedback von den Zuschauer*innen, auf das man bei Comedy angewiesen ist. Hinzu kommt, dass die Schauspieler*innen ungewöhnlich lange nicht auf der Bühne standen. Obwohl sie die Bühne vermisst hätten, sei es erst eine ganz schöne Umstellung gewesen, wieder zu spielen. Schauspielkollege Armin Sengenberger erzählt, dass er nach der langen Zeit, die er vornehmlich mit seiner Familie verbracht hat, ganz schön Bammel hatte, wieder auf der Bühne zu stehen: „Man war es nicht mehr gewohnt, so nah beieinander zu sein. Ich hatte das Abstandhalten tatsächlich verinnerlicht.“

Schauspieler Armin Sengenberger auf der Bühne, Foto: Jacqueline Wiesner

Ähnlich wie beim Grips Theater wird ab Mitte September wieder im eigenen Theater in der Müllerstraße 163 gespielt – allerdings nur für 40 statt 230 Zuschauer*innen. Dank der Soforthilfe vom Berliner Senat konnten die finanziellen Lücken überbrückt werden, doch nun sind die meisten festangestellten Mitarbeiter*innen aus der Kurzarbeit zurück und es ist unsicher, wie es langfristig weiter geht, weil die Einnahmen aufgrund der eingeschränkten Zuschauer*innenzahlen viel geringer sind. Aber auch wenn es sich nicht rechnet, „ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben und in dieser Zeit für ein bisschen Unterhaltung zu sorgen“, findet Schmidt. Es sieht so aus, als wenn man sich an die Unsicherheit gewöhnen muss; auch Armin Sengenberger ist davon überzeugt, dass die Veränderungen noch lange nachhallen werden: „Es wird kein Zurück zum Vorher geben“. Sengenberger erzählt, wie das Spielen unter Corona-Bedingungen ein permanentes learning by doing sei: „Ich sollte im Stück eine Kussszene spielen– mit Visier. Da muss man erst mal ausprobieren, wie das gehen und auch noch überzeugend aussehen kann!“ Das Motto lautet Improvisation, was ja ein Kerngeschäft von Schauspieler*innen ist und sie daher nicht ganz unvorbereitet trifft.

Die Zeit des Lockdowns haben beide sehr unterschiedlich verbracht: Während für Johanna Magdalena Schmidt die Umstellung aufgrund des organisatorischen Mehraufwands noch mehr Arbeit als gewöhnlich bedeutete, hat Sengenberger in dieser Zeit seine Arbeit auf die Kinderbetreuung, private akademische Weiterbildung und lange vernachlässigte Beschäftigungen wie astronomische Beobachtungen verlagert, so dass er der Zeit durchaus auch positive Seiten abgewinnen konnte. 

Am 28./29./30. August finden die letzten Aufführungen von Miss Wedding Undercover  im Freibad Plötzensee statt. Es gibt noch Karten!

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„Gar kein Theater wäre noch mehr Wahnsinn“

Was die Corona-Bedingungen für die Theater bedeuten - und was sie für Lösungen finden

Wie starten Theater in die neue Spielzeit, in der die Zuschauerränge nur zu 20 % besetzt sein dürfen und zahlreiche Auflagen das Geschehen auf der Bühne, im Zuschauer*innenbereich und bei den Proben beeinflussen? Die Bedingungen wären der Wahnsinn, sagt Philipp Harpain, Leiter des GRIPS Theaters, aber gar kein Theater wäre auch keine Alternative. Das Prime Time Theater sieht das genauso und hat deshalb schon über den Sommer Alternativen zum Bühnenbetrieb erprobt. Teil fünf der Reihe „Was geht (nicht) mit Corona“ von Anna-Lena Wenzel