Das Ausstellungshaus als Ort des Austauschs und der Begegnung

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Doppelseite des Magazins "spiritus"

Ein paar Tage vor der geplanten Eröffnung der Ausstellung 禮 Li, Geschenke und Rituale des Künstlers Lee Mingwei musste der Gropius Bau Berlin, so wie alle anderen Museen und Ausstellungshäuser in Deutschland, Mitte März aufgrund der gerade über das Land hinwegrollenden Pandemie schließen.

Dieser erste Lockdown markierte die Trennung des „Früher“ von dem „Heute“. Kontaktbeschränkungen verändern seither das alltägliche Leben, Mund- und Nasenmasken sowie Desinfektionsmittel sind auf einmal die wichtigsten Utensilien, um sich in der Öffentlichkeit zu bewegen und bei allen (Fall-)Zahlen, die uns täglich um die Ohren fliegen, ist vor allem eine Zahlenkombination überall präsent: 1,5 Meter Abstand. 

Als der Gropius Bau einen Monat nach Beginn des Lockdowns am 19. April seine Türen wieder öffnete, konnte von einem „Back to normal“ nicht die Rede sein - aber der Besuch der nun endlich doch noch eröffneten Ausstellung Mingweis wirkte wie die tröstende Hand eines Freundes. Denn trotz einiger erforderlich gewordenen Anpassungen an die neuen Gegebenheiten, war die Ausstellung ein Ort des Austauschs und der Begegnungen. Während draußen Abstand und Isolation die Gebote der Stunde waren, war hier das Verbindende, Gemeinsame überall zu spüren. Als hätte ich soeben einige Zeit mit einem lieben Menschen verbracht, als wären persönliche Erlebnisse und Geschenke ausgetauscht worden, ging ich emotional gestärkt durch die Museumstüren hinaus in den Corona-Alltag.

禮 Li, Geschenke und Rituale ist nur eines der zahlreichen Projekte, die seit Beginn der Leitung von Stephanie Rosenthal am 1. Februar 2018 realisiert wurden und anhand derer ihr Programm der Öffnung anschaulich und erfahrbar wird.

Die Ausstellungen kreisen um die Konzepte von Gastlichkeit, Transformation, Fürsorge und Reparatur, Körper und Land, Grenzen und Grenzziehungen. Mit dem breitgefächerten Programm, das zahlreiche Kooperationen mit anderen Institutionen und Akteur*innen der Stadt beinhaltet, knüpft der neu gedachte Gropius Bau konzeptuell an seine facettenreiche Vergangenheit an: Das Haus eröffnete 1881 als Kunstgewerbemuseum und Kunstgewerbeschule, beherbergte ab 1921 das Ethnologische Museum und ab 1931 das Museum für Vor- und Frühgeschichte. Es wurde im Zweiten Weltkrieg bombardiert und im Anschluss wiederaufgebaut, nun in unmittelbarer Nähe zur Berliner Mauer.

Die einzelnen Etappen dieser Geschichte sollen nicht nur in Ausstellungen wie beispielsweise „And Berlin Will Always Need You“ (22.3.-16.6.2019) und „Durch Mauern gehen“ (12.9.2019-19.1.2020) reflektiert werden, auch die unterschiedlichen Formate des Begleitprogramms knüpfen hieran an:

In Rückgriff auf die Funktion als Kunstgewerbemuseum und -schule und der damit verbundenen Infrastruktur an Ateliers und Werkstätten sollen durch zwei Residency-Formate kreative Prozesse und künstlerische Produktion wieder in den Alltag des Gropius Bau integriert werden.

Wichtig für den neu gedachten Gropius Bau als Ort des Austauschs und des Zusammenkommens sind aber nicht nur die Ausstellungen und Künstler*innenprogramme, sondern auch die vielfältigen Vermittlungsprojekte: Das Haus öffnet sich für externe Vermittler*innen, freie Gruppen und Initiativen, die die Atelier- und Ausstellungsräume für eigene Vorhaben nutzen können.

Der hinter dem Gebäude errichtete Parkplatzgarten ist beispielsweise das Ergebnis des Programms „Nachbarschaftsaustausch“, das die unmittelbare Umgebung des Gropius Bau in den Blick nehmen und die vielen Facetten der Nachbarschaft sichtbar machen will. Realisiert wurde der Garten von der gemeinnützigen interkulturellen Organisation Yeşil Çember (dt.: Grüner Kreis), die im kommenden Jahr zusammen mit dem Gropius Bau-Team türkischsprachige Ausstellungsführungen und Konzerte traditioneller türkischer Musik realisieren will. Außerdem ist ein abfallfreies Fest des Fastenbrechens auf dem Südplatz des Gropius Bau geplant.

Junge Besucher*innen sind im Rahmen von „Kinder kuratieren_Takeover“ eingeladen, eine Ausstellung zu organisieren, die für 2021 geplant ist.

An junge Erwachsene richtet sich „JuGroBa – Junger Gropius Bau“. Das Programm ist Teil der von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Initiative „Junge Perspektiven im Museum“. Anhand aktiver Beteiligung und Mitbestimmung von Jugendlichen an der Programmentwicklung will die Initiative die Lebenswirklichkeit und die besondere Perspektive junger Menschen dauerhaft in die Arbeitspraxis der Kulturinstitutionen einbeziehen. An dem auf zwei Jahre angelegten Modellprojekt nehmen neben dem Gropius Bau auch das Bode-Museum Berlin teil sowie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und das Lenbachhaus in München.

„JuGroBa“ besteht aus sieben jungen Menschen zwischen 15 und 21 Jahren, die als Arbeitsgruppe eigene Projekte durchführen und sich mit der Frage beschäftigen, wie Jugendlichen mehr Zugang zum Gropius Bau verschafft werden kann. Als Jugendbeirat beraten sie außerdem das Team des Gropius Bau; so konnten sie beispielsweise bei der Gestaltung des Ausstellungsplakats zu der aktuellen Ausstellung „Masculinities: Liberation through Photography“ konkrete Vorschläge einbringen.

Nach einem ersten Get-together im August dieses Jahres, das Interessierten die Möglichkeit zu einem Kennenlernen gab, fand am 29. Oktober die Veranstaltung „JuGroBa präsentiert: spiritus“ statt.

„spiritus“ ließe sich beschreiben als ein gerade neu herausgebrachtes Magazin für junge Kunst und ist doch mehr als das. „[S]piritus fungiert in gewisser Weise wie eine Ausstellung im Papierformat“, sagen die Herausgeber Anton Krude und Jonathan Joosten während eines Interviews per Videoanruf.

Die beiden 18-Jährigen haben dieses Jahr ihr Abitur absolviert und mit der Herausgabe des Magazins eine schon lange existierende Idee in die Tat umgesetzt: „Es gibt eine unglaubliche Vielfalt an kreativer Arbeit in unserer Altersgruppe, gleichzeitig ist kaum Raum vorhanden, um dieser Kreativität ein Publikum zu verschaffen.“ Also haben die beiden diesen Raum selbst erzeugt.

In enger Zusammenarbeit mit den Beitragenden – neben ihrer eigenen Arbeit präsentieren Krude und Joosten in der ersten Ausgabe acht weitere Künstlerinnen und Künstler – entstand in kompletter Eigenregie und zum größten Teil selbstfinanziert, ein liebevoll gestaltetes Magazin, das auf die unterschiedlichen Vorstellungen und Anforderungen der Beteiligten mit verschiedenen Papiertypen antwortet.

Auf 78 Seiten stellen Menschen zwischen 17 und 19 Jahren ihre künstlerischen Arbeiten vor, die – das ist den beiden Herausgebern besonders wichtig – außerhalb des Kontexts Schule entstanden sind. Es geht um freie Arbeiten, die nicht aufgrund einer aufgetragenen Aufgabenstellung entstanden sind, sondern einem eigenen Antrieb folgten. Die präsentierten Werke stehen somit der während der Schulzeit erfahrenen angeleiteten Kreativität entgegen: „Im Kunstunterricht gab es immer eine Aufgabe, die bearbeitet werden musste. Es gab eigentlich kaum Möglichkeiten, einfach mal ganz von selbst auf etwas zu kommen“, so Joosten. Doch genau das, was die Jugendlichen schaffen ohne dazu aufgefordert worden zu sein, ist es, was sie interessiert und was sie mit dem Magazin „spiritus“ einfangen wollten.

Der Titel ist hierbei nicht nur leere Hülle, das zeigt sich sowohl beim Lesen des Editorials als auch beim Betrachten der Arbeiten: Alle Beiträge verbindet ein Geist der Freiheit und des Ausprobierens, fern vom Druck, etwas erreichen zu müssen oder zu wollen.

Anhand unterschiedlichster Medien, von Fotografie über Zeichnung und Malerei, bis hin zu Textarbeiten geben die Jugendlichen einen beeindruckenden Einblick in ihre Welt. Ein kurzer Fragebogen – in gesondertem Format - gibt Aufschluss über die Motivation und Inspiration der „Künstlerinnen“ und „Künstler“.

Dass diese im Editorial in Anführungszeichen gesetzt werden, ist allerdings nicht etwa einer (ohnehin nicht angebrachten) Bescheidenheit geschuldet. „»Kunst« sagt man selber nicht. Warum? Der Begriff ist elitär“, heißt es in ihrem Text.

Die Trennung zwischen dem, was offiziell, für alle einsehbar das Label „Kunst“ trägt – beispielsweise weil es in Museen oder Galerien gezeigt wird – und dem, was außerhalb dieser Kunstwelt existiert, interessiert Joosten und Krude nicht sonderlich. Auch ohne künstlerische Ausbildung und ohne vorzuweisende Ausstellungen könne Kreatives geschaffen werden, das den eigenen Ansprüchen und ästhetischen Vorstellungen entspreche und andere Menschen begeistern könne. Ihr Magazin, so führen sie während des Interviews aus, ist auch als Aufforderung an die jungen Menschen zu verstehen, sich über solche Trennungen hinwegzusetzen und sich zu trauen, das selbst Geschaffene zu zeigen­.

Weitere Ausgaben sind geplant, auch wenn nun erst einmal der Studienbeginn im Vordergrund steht. An „Künstlerinnen“ und „Künstlern“ mangele es auf jeden Fall in ihrem Umfeld nicht. Auch eine Fortsetzung in einem physischen Raum sei denkbar, mit „spiritus“ als Ausstellungskatalog.


 

Ob es eine Ausstellung ist, ein Magazin, ein Textbeitrag auf der Online-Plattform Gropius Bau Journal, oder eine der vielen unterschiedlichen Veranstaltungen: Der neue Gropius Bau spricht mit seinem Programm der Öffnung und der Betonung des Austauschs und des Miteinanders den Nerv der Zeit. Denn den momentanen Ausnahmezustand, den wir hoffentlich bald hinter uns bringen können, einmal ungeachtet, braucht es mehr Orte, an dem mensch nicht Einzelkämpfer*in ist, sondern Teil eines großen, sich austauschenden, gegenseitig inspirierenden, voneinander lernenden Ganzen.  

 

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Das Ausstellungshaus als Ort des Austauschs und der Begegnung

Ein Blick auf das Programm des Gropius Bau und ein Gespräch mit den Herausgebern des Magazins „spiritus“

Ferial Nadja Karrasch spricht mit den Herausgebern des neuen Magazins für Junge Kunst "spiritus" und berichtet, was sich sonst noch in der Vermittlung und im Programm getan hat, seit Stephanie Rosenthal 2018 die Leitung des Gropius Baus übernahm.