Es wird noch dauern, bis das Digitale in der zeitgenössischen Musik angekommen ist

Linke Spalte

Marina: Was hat euch nach Moabit gebracht?

Biljana: Es gab verschiedene Gründe für diesen Schritt vor neun Jahren: Wir wollten Wohnung und Studio unter einem Dach haben, wir wollten die Kinder in einer Metropole aufwachsen lassen, die sozialer, lustiger, wilder ist als München. Und wir wollten wieder unsere eigenen Projekte machen - zusammen. Aber es hätte auch Belgrad werden können. Wir haben uns in beiden Städten viele Wohnungen angeschaut und überlegt. Das stand ziemlich Fifty-Fifty.

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© Marius Götz

Guido: Ich habe in meinem Studio in München sehr viel Fernsehwerbung gemacht, für Virgin und viele andere Große gearbeitet. Das war damals schon fast alles digital. Insofern war der Umzug mit kleinem Gepäck, weil die großen Tonstudios, die nutzt niemand mehr, das läuft schon lange alles am Computer. Ich kriege einen Film geschickt, mache was dazu, kriege die Änderungswünsche per Skype. Ich sehe kaum noch jemanden im Studio. Und dann ist der Arbeitsort letztlich nicht mehr ausschlaggebend.
Zum Umzug getrieben hat uns aber, glaube ich, der Wunsch wieder selbst mehr Musik zu machen, unsere eigenen Projekte zu verwirklichen, sich nicht immer nur mit Fremdarbeiten zu beschäftigen, mit denen man zwar Geld verdient, das dann aber auch gleich wieder in Miete und Kosten investiert werden muss in einer so einer teuren Stadt wie München.

Biljana: Ich war Solistin mit Frauen of Color aus den USA. Wir haben mit Gospelmusik große, internationale Touren gemacht. Ich habe viel von diesen Sängerinnen gelernt und diese großen Auftritte haben mir viel gegeben – das fehlt mir jetzt ein bisschen in Berlin. Das ist aber die Sache mit der Gospelmusik und Covermusik allgemein: Davon kannst du in München gut leben, das wird ordentlich bezahlt. In Berlin geht das gar nicht, weil es diese Szene hier gar nicht gibt. In Berlin bist du gezwungen, für weniger Geld dauernd zu arbeiten, aber das sind wir gewöhnt.

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© NigredoPhotographer
Guido: Nein, als Musiker ist man den ständigen Ortswechsel ja gewöhnt. Das ganze Studioleben hat sich halt auch sehr gewandelt. Früher haben die Plattenfirmen Bands gemacht – heute mögen sie das nicht mehr, weil ihnen das zu kompliziert ist. Das ganze System ist mehr oder weniger zusammengefallen. Früher war ich bei Produktionen dabei, die eine halbe Million Mark gekostet haben. Heute kannst Du froh sein, wenn du als Künstler dreitausend Euro von der Plattenfirma als Vorschuss bekommst und musst dich quasi selbst vermarkten über Social Media. Das müssen wir als Duo mit unserer Musik jetzt auch und diese Selbstvermarktung über Social Media fällt uns schwer, weil wir immer darüber nachdenken, ob es den Leuten gefällt.. Aber du musst deine Likes sehr aktiv jeden Tag einfordern.

Biljana: Die Digitalisierung hat das halt alles verändert, heute gibt es viele Homestudios, wer einen Computer hat ist quasi dabei. Der Musikmarkt ist von den Umsätzen her zusammengebrochen und damit auch die Macht der großen Labels.. Und Letzteres finde ich sogar ganz gut, die Künstler*innen können nicht mehr so ausgebeutet werden durch sie.

Marina: Seid ihr mit eurer Musik viel unterwegs?

Guido: Wir haben hier fast jede Woche gespielt. Jetzt ist Lockdown, jetzt gibt es einfach nichts mehr. Corona ist Kahlschlag für die Szene der Liveacts.

Biljana: Ich habe vor zwei Jahren einen DJ Sample Wettbewerb in der Kantine am Berghain gewonnen und habe mich ganz gut inzwischen als DJane etabliert, das macht unheimlich Freude. Das fällt jetzt alles flach.

Guido: Und auch die Filmproduktion ist quasi auf Null. Ich habe jetzt gerade noch beim Münchner Tatort mitgemacht, das war aber eine Ausnahme.

Biljana: Im Herbst haben wir ein Festival zusammen gespielt. Wir waren mit unserer neuen Platte eingeladen nach Bari und das war ganz sicher einer der Höhepunkte 2020, weil man sich toll um uns gekümmert hat: Radiointerview vor dem Auftritt, Fahrer, tolles Hotel. Und tatsächlich wieder Publikum nach Monaten ohne. Wir haben uns wie Stars gefühlt (lacht).

 


get HIGH fiona, Runaway

Marina: Wertschätzung ist ein wichtiger Punkt für künstlerisches Arbeiten.

Guido: Es ist schon merkwürdig, dass alle immer meinen, Musiker*in sein sei ein Hobby, man müsse für Musik nichts bezahlen. In allen Bereichen werden Künstler*innen selbstverständlich für ihre Arbeit bezahlt nur in der handwerklichen Musik nicht. In Afrika habe ich gesehen, was für einen komplett anderen Stellenwert Du als Musiker*in dort hast. Wir sind mit unserer Band dort Monate durch viele Länder getourt, oft gezwungenermaßen mit langen Aufenthalten, weil die Organisation von Technik und Auftrittsort einfach immer wahnsinnig lange gedauert hat. Aber als Musiker*in hast du dort eine wichtige gesellschaftliche Stellung. Hier werden Musiker*innen meist als Gescheiterte gesehen, es sei denn man macht sogenannte Hochkultur, also klassische Musik. Da wird ausgesprochen gut bezahlt.

Marina: Ihr habt mit eurer Musik eine neue Nische definiert. Ihr seid digital, du, Biljana, slammst dazu, das ganze unterlegt ihr aber mit durchaus anspruchsvollen Basslines. Biljana, wie schreibst du deine Texte?

Biljana: Ich trage immer irgendwelche Themenschnipsel mit mir herum. Manchmal nur ein Wort, dass ich dann nachts aufschreibe. Am Tag dann singe ich was dazu, schicke es Guido, kriege von ihm ein paar Ideen dazu zurück und so geht es hin und her. Weil wir in unserer Wohnung unsere Musik- und Gesangsarbeitsplätze integriert haben, können wir unser Arbeitsleben parallel zu unseren drei Kindern auch gut organisieren. Musikalisch machen sie ihr eigenes Ding, aber das Schönste ist, wenn wir von ihnen gefragt werden.

Guido: Meine Mutter war Opernsängerin und da war bei uns Kindern Klavierspielen Pflicht. Mindestens eine Stunde am Tag üben. Mit 11 habe ich dann Jimmy Hendrix gehört und da wusste ich, es gibt eine andere Welt. Ich hatte dann irrsinnige Konflikte mit meiner Mutter, weil Gitarre, Verstärker all solche Dinge waren verpönt bei uns. Ich habe aber dann beides gemacht: Eine Jazz-School besucht und am Konservatorium Klavier und Komposition studiert. Nach diesen Erfahrungen, lasse ich meine Kinder frei machen, wohin es sie musikalisch treibt.

Biljana: Mein Instrument war Akkordeon und ich bin Sängerin, schon von klein auf. Englisch habe ich mir in Belgrad mehr oder weniger selbst beigebracht über das Fernsehen. 1989 bin ich dann nach München gekommen, ich war erst 18 und habe verdammt kämpfen müssen. Man kann sich ja vorstellen, dass ich nicht nur Schönes erlebt habe. Jetzt, 30 Jahre später, verarbeite ich das auch in meinen Texten.

Marina: Was ist das Spezielle an eurer Musik?

Biljana: Es gibt ja grob beschrieben zwei Lager: Diejenigen, die digitale Musik machen, und diejenigen, die handwerkliche Musik machen. Beide Lager lehnen sich auch meistens ab, es gibt da unüberbrückbare Mauern. Weil wir beides können, vereinen wir beide Stile. Und wir versuchen, das Normierte zu durchbrechen.

Guido: In der Clubmusik gibt es das Digitale ja schon lange, die Normierung ist aber ziemlich eng. So kompositorisch wie wir ranzugehen, ist dort ein No-Go. Der Weg ist schwer, weil du dauernd gegen Vorurteile ankämpfen musst. Techno mit durchgehendem Gesang wie bei uns ist die Rote Karte, da bist du raus (lachen beide lang).

Marina: Es ist eine Frage der Freiheit, die man sich nimmt. Diese Mauern immer wieder zu durchbrechen ist ja auch eine wichtige Aufgabe in der bildenden Kunst.

Guido: Kreativer Minimalismus, das beschreibt es bei uns ganz gut. Ich habe mir gerade ein neues „Klavier" gekauft, ein Computer mit 64 Feldern. Es ist zugegebenermaßen eine ganz schöne Umstellung aber eine phantastische neue Herangehensweise, Musik zu machen.

Biljana: Wenn ich ihn damit höre, denke ich nicht, dass Guido spielt. (Im Hintergrund hört man Klavier, ihre mittlere Tochter Fiona ist von der Schule zurück und setzt sich gleich ans Instrument im Studio).

Marina: Ich finde das bemerkenswert, dass ihr schon so lange miteinander Musik macht und immer noch alles Neue ausprobiert und euch entwickelt.

Guido: Musikkompositionen haben immer viel mit Instrumenten zu tun; die Herstellungsmöglichkeit der Musik hat ja über Jahrhunderte auch die Musikstile bestimmt. Schau dir Bach an, der vor Freude, dass er alle Tonarten durchspielen konnte, gleich das wohltemperierte Klavier geschrieben hat.

Biljana: Es wird aber noch eine Weile dauern, bis das Digitale selbstverständlich in der zeitgenössischen Musik angekommen ist. Gerade wenn du auf einem Instrument professionell ausgebildet bist oder Komposition studiert hast, musst du dich ja erst mit den neuen digitalen ‚Instrumenten‘ vertraut machen. Das ist Arbeit, die fällt Jüngeren leichter.
Das Wichtigste ist natürlich aber die Freude am Musikmachen, egal ob das nun handwerklich oder digital erfolgt, jede(r) Künstler*in brennt ja für seine Sache. Und gemeinsam Musikmachen mit anderen Menschen ist für uns ein wunderbarer Ausgleich zur Studioarbeit.
 

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Guido: Orte wie die Neue Nachbarschaft/Moabit findest du in Deutschland tatsächlich nur in Berlin. Die wöchentlichen Jamsessions sind toll, die Leute sind nur wegen der Musik da, es gibt keinen kommerziellen Drive.

Biljana: Es gibt dort keine Bühne, sondern der ganze Laden ist Bühne. In jeder Ecke sitzt jemand mit einem Instrument oder Mikro, fängt etwas an, die anderen steigen ein. Eine unglaubliche Atmosphäre, weil halt fast alle Musik machen im Raum mit wechselnden Stilen. Wir vermissen das gerade wegen Corona sehr, auch wenn es manchmal musikalische Katastrophen sind.

Marina: Bei unseren Kunstworkshops in der Neuen Nachbarschaft gehen wir ja auch so niederschwellig ran, dass sich jeder ausprobieren kann. Es mixen sich dann professionelle Künstler*innen mit Anfänger*innen, mit Menschen, die es zum ersten Mal versuchen. Ich mag Katastrophen!

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Es wird noch dauern, bis das Digitale in der zeitgenössischen Musik angekommen ist

"Lebt und arbeitet in Berlin" ist unsere neue Reihe, in der Künstler*innen miteinander sprechen. Das Format wechselt zwischen verschiedenen Genres, die die Künstler*innen jeweils wählen. Die Reihe ist Teil des Projekts Institutions Extended.

Für diese Ausgabe traf sich die Künstlerin Marina Naprushkina mit den Mitgliedern von get HIGH fiona Biljana Pais und Guido Hieronymus in ihren Wohn- und Studioräumen in Berlin-Moabit.

get HIGH fiona sind ein elektronisches Produktionsteam aus Berlin: Biljana Pais, Vokalistin und Komponistin, DJ Contest-Gewinnerin in der Kantine am Berghain und Guido Hieronymus, Popol Vuh Mitglied, Pianist, Komponist und Produzent. Im Oktober 2020 haben sie ihr Album „Requiem for Florian“ auf Bandcamp veröffentlicht und auf dem Time Zones Festival in Bari gespielt.

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